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Geschlechterrollentausch am japanischen Kaiserhof


 
Autor: Michael Stein (Hg.)
Titel: Die vertauschten Geschwister
Originaltitel: Torikaebaya Monogatari
Umfang: 270 Seiten
Format: Hardcover
Preis: EUR 22,80
Verlag: Insel
ISBN: 345816605X
Website: www.insel-verlag.de     

Der japanische Kaiserhof im 12. Jahrhundert: Der Taishô, Kommandant der kaiserlichen Leibgarde, könnte wohl zufrieden sein. Hat er doch nicht nur ein hohes Ansehen bei Hofe, sondern auch eine stattliche Familie und zwei prächtige Kinder, das Mädchen Surigoromo und den Knaben Susukinoho. Die beiden sind prächtige Kinder, doch etwas scheint seltsam an ihnen: Der überaus schüchterne Susukinoho bevorzugt das Spiel mit den Puppen und auf der Koto, während Surigoromo ein rechter Wildfang ist und sich im Schwertkampf und Reiten übt. Der liebende Vater lässt sie gewähren, doch als die beiden das Teenageralter erreichen, hat sich entgegen seiner Hoffnung rein gar nichts geändert.
 
    
 

Als dem Kaiser die Kunde von den außergewöhnlichen Talenten der Geschwister zu Ohren kommt, äußert er den Wunsch, dass diese hohe Ämter bei Hofe antreten. Der Taishô befürchtet Schlimmes und fasst einen aberwitzigen Plan: so wird Susukinoho in Frauenkleidern zur Gesellschaftsdame der Kronprinzessin ernannt, während Surigoromo als Mann verkleidet zum kaiserlichen Kammerherrn ernannt wird.

Der junge “Herr“ Surigoromo macht Karriere bei Hofe und die legendäre Schönheit der Hofdame Susukinoho sorgt für manch gebrochenes Herz. Eines davon gehört dem stets liebesdurstigen Frauenhelden Tsukikusa, der aber trotz leidenschaftlicher Liebesbriefe so gar nicht bei Susukinoho landen kann. Trost sucht er in der “Männerfreundschaft“ mit Surigoromo, die über die wahren Verhältnisse natürlich schweigen muss. Währendessen hat die Kronprinzessin beim gemeinsamen Nachtlager die Wahrheit um Susukinohos Geschlecht herausgefunden, doch da dieser trotz Frauenkleidern und Schminke ein gar schmucker Jüngling ist, sagt sie nichts, und die beiden verbindet bald eine verbotene Leidenschaft. Surigoromo mittlerweile geht in ihrer Rolle gar so weit, die reizende Hofdame Shinokimi zu heiraten. Als Shinokimi schwanger wird, stellt das Surigoromo und den frischgebackenen “Großvater“, den Taishô, begreiflicherweise vor ein Rätsel. Als das Baby unverkennbare Ähnlichkeit mit Tsukikusa aufweist, stellt das seine Freundschaft mit Surigoromo doch auf eine harte Probe. Tsukikusa ist trotz seiner zahlreichen Liebschaften immer noch von seiner unerfüllten Sehnsucht nach Susukinoho besessen. Als er in seiner Verzweiflung in einer homoerotischen Anwandlung gar über Surigoromo herfällt, entdeckt er, dass sie in Wahrheit eine Frau ist. Tsukikusa ist hochbeglückt, aber Surigoromo sitzt nun wirklich in der Bredouille… doch all das ist erst der Beginn einer Verkettung aberwitzigster Ereignisse.

Das “Torikaebaya Monogatari“ (“Ach-könnt-ich-sie-doch-vertauschen-Geschichte“) wurde vermutlich im 12. Jahrhundert von einer namentlich nicht mehr bekannten japanischen Hofdame verfasst. Mehr als 80 Abschriften sind bis heute erhalten und dokumentieren die damalige Beliebtheit dieses frühen emanzipatorischen Werkes. Zu Zeiten des Shôgunats allerdings galt es als „subversive Literatur“, da es in krassem Widerspruch zur Samurai-Ideologie stand. Wo käme man auch hin, wenn eine Frau das Kriegerhandwerk und sonstige Fähigkeiten genauso gut wie ein Mann beherrschen würde? Die Vorurteile gegenüber diesem Werk haben teilweise bis in die heutige japanische Literaturwissenschaft überdauert.

Wenn wir nun die „vertauschten Geschwister“ im Vergleich zu früher europäischer Literatur wie das im 13. Jahrhundert entstandene Nibelungenlied betrachten, welch einen Unterschied stellen wir doch fest! Während wir es beim Nibelungenlied mit herkömmlichen erzählerischen Elementen wie einem Helden, einem Drachen und einer Prinzessin zu tun haben, wie schräg muten doch die skurrilen Charaktere des „Torikaebaya Monogatari“ an. In diesem Zusammenhang bemerkt man auch die Ursprünge und erzählerischen Wurzeln heute populärer Mangas, die mit den Geschlechterrollen spielen, wie etwa “Ranma ½“, “Lady Oscar“ oder “Utena“. Surigoromo darf mit Fug und Recht als Vorläuferin dieser streitbaren Damen angesehen werden, und so ist das “Torikaebaya Monogatari“ ein höchst “mangaeskes“ und auch heute noch überaus vergnüglich zu lesendes Werk.

Michael Stein gebührt der Verdienst für die erste deutsche Übersetzung dieses frühen japanischen Romans, die auch seine Dissertation darstellte. Hatte die Erstausgabe (Harrassowitz 1979) noch umfangreiche Anhänge mit zahlreichen Anmerkungen zu historischen Hintergründen und literaturwissenschaftlichen Kommentaren, hat man diese für diese Leseausgabe im Insel-Verlag leider drastisch auf magere fünf Seiten beschränkt. Trotz dieses Wermutstropfens ist diese schöne Ausgabe ein Pflichtbuch für alle Freunde japanischer Kultur und liest sich auch mehr als 800 Jahre nach seiner Entstehung noch genauso unterhaltsam wie damals.

Stefan Meduna

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