Der japanische
Kaiserhof im 12. Jahrhundert: Der Taishô, Kommandant der kaiserlichen
Leibgarde, könnte wohl zufrieden sein. Hat er doch nicht nur ein hohes
Ansehen bei Hofe, sondern auch eine stattliche Familie und zwei prächtige
Kinder, das Mädchen Surigoromo und den Knaben Susukinoho. Die beiden
sind prächtige Kinder, doch etwas scheint seltsam an ihnen: Der überaus
schüchterne Susukinoho bevorzugt das Spiel mit den Puppen und auf
der Koto, während Surigoromo ein rechter Wildfang ist und sich im
Schwertkampf und Reiten übt. Der liebende Vater lässt sie gewähren,
doch als die beiden das Teenageralter erreichen, hat sich entgegen
seiner Hoffnung rein gar nichts geändert.
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Als dem Kaiser die Kunde von den
außergewöhnlichen Talenten der Geschwister zu Ohren kommt, äußert
er den Wunsch, dass diese hohe Ämter bei Hofe antreten. Der Taishô
befürchtet Schlimmes und fasst einen aberwitzigen Plan: so wird
Susukinoho in Frauenkleidern zur Gesellschaftsdame der Kronprinzessin
ernannt, während Surigoromo als Mann verkleidet zum kaiserlichen
Kammerherrn ernannt wird.
Der junge “Herr“ Surigoromo macht
Karriere bei Hofe und die legendäre Schönheit der Hofdame Susukinoho
sorgt für manch gebrochenes Herz. Eines davon gehört dem stets liebesdurstigen
Frauenhelden Tsukikusa, der aber trotz leidenschaftlicher Liebesbriefe
so gar nicht bei Susukinoho landen kann. Trost sucht er in der “Männerfreundschaft“
mit Surigoromo, die über die wahren Verhältnisse natürlich schweigen
muss. Währendessen hat die Kronprinzessin beim gemeinsamen Nachtlager
die Wahrheit um Susukinohos Geschlecht herausgefunden, doch da dieser
trotz Frauenkleidern und Schminke ein gar schmucker Jüngling ist,
sagt sie nichts, und die beiden verbindet bald eine verbotene Leidenschaft.
Surigoromo mittlerweile geht in ihrer Rolle gar so weit, die reizende
Hofdame Shinokimi zu heiraten. Als Shinokimi schwanger wird, stellt
das Surigoromo und den frischgebackenen “Großvater“, den Taishô,
begreiflicherweise vor ein Rätsel. Als das Baby unverkennbare Ähnlichkeit
mit Tsukikusa aufweist, stellt das seine Freundschaft mit Surigoromo
doch auf eine harte Probe. Tsukikusa ist trotz seiner zahlreichen
Liebschaften immer noch von seiner unerfüllten Sehnsucht nach Susukinoho
besessen. Als er in seiner Verzweiflung in einer homoerotischen
Anwandlung gar über Surigoromo herfällt, entdeckt er, dass sie in
Wahrheit eine Frau ist. Tsukikusa ist hochbeglückt, aber Surigoromo
sitzt nun wirklich in der Bredouille… doch all das ist erst der
Beginn einer Verkettung aberwitzigster Ereignisse.
Das “Torikaebaya Monogatari“ (“Ach-könnt-ich-sie-doch-vertauschen-Geschichte“)
wurde vermutlich im 12. Jahrhundert von einer namentlich nicht mehr
bekannten japanischen Hofdame verfasst. Mehr als 80 Abschriften
sind bis heute erhalten und dokumentieren die damalige Beliebtheit
dieses frühen emanzipatorischen Werkes. Zu Zeiten des Shôgunats
allerdings galt es als „subversive Literatur“, da es in krassem
Widerspruch zur Samurai-Ideologie stand. Wo käme man auch hin, wenn
eine Frau das Kriegerhandwerk und sonstige Fähigkeiten genauso gut
wie ein Mann beherrschen würde? Die Vorurteile gegenüber diesem
Werk haben teilweise bis in die heutige japanische Literaturwissenschaft
überdauert.
Wenn wir nun die „vertauschten Geschwister“
im Vergleich zu früher europäischer Literatur wie das im 13. Jahrhundert
entstandene Nibelungenlied betrachten, welch einen Unterschied stellen
wir doch fest! Während wir es beim Nibelungenlied mit herkömmlichen
erzählerischen Elementen wie einem Helden, einem Drachen und einer
Prinzessin zu tun haben, wie schräg muten doch die skurrilen Charaktere
des „Torikaebaya Monogatari“ an. In diesem Zusammenhang bemerkt
man auch die Ursprünge und erzählerischen Wurzeln heute populärer
Mangas, die mit den Geschlechterrollen spielen, wie etwa “Ranma
½“, “Lady Oscar“ oder “Utena“.
Surigoromo darf mit Fug und Recht als Vorläuferin dieser streitbaren
Damen angesehen werden, und so ist das “Torikaebaya Monogatari“
ein höchst “mangaeskes“ und auch heute noch überaus vergnüglich
zu lesendes Werk.
Michael Stein gebührt der Verdienst für die erste deutsche Übersetzung dieses frühen japanischen Romans, die auch seine Dissertation darstellte. Hatte die Erstausgabe (Harrassowitz 1979) noch umfangreiche Anhänge mit zahlreichen Anmerkungen zu historischen Hintergründen und literaturwissenschaftlichen Kommentaren, hat man diese für diese Leseausgabe im Insel-Verlag leider drastisch auf magere fünf Seiten beschränkt. Trotz dieses Wermutstropfens ist diese schöne Ausgabe ein Pflichtbuch für alle Freunde japanischer Kultur und liest sich auch mehr als 800 Jahre nach seiner Entstehung noch genauso unterhaltsam wie damals.
Stefan
Meduna
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