Nicht
mehr ganz aktuell ist der dauernde Erfolg dieses Buches auffällig.
Charlotte Roche muss nicht näher beschrieben werden, seit sie eine
der frühen und erfolgreicheren MTV-Moderatorinnen war, was
in gewissen Kreisen als Garant für nicht zwangsläufig überbordende
intellektuelle Möglichkeiten gilt. Ihr Gouvernanten-Charme war mir
stets sympathisch. Vielleicht lag es nur daran, dass sie kein idiotisches
Kreischblondchen-Klischee bediente, welches nur aus T & A zu bestehen
scheint. Als mit MTV Schluss war, versank sie gebührlich
in Vergessenheit. Weil sie eine gar so große Nummer bei dem Musiksender
zu sein schien, wunderte sich mancher, wie kategorisch ihr Karriereende
ausfiel.
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Dann
kam sie relativ unerwartet mit einem Roman ans Tageslicht zurück.
Die Einen überrascht (können MTV-Moderatorinnen schreiben
und lesen?), andere desinteressiert, wurde dieser stark beworben
und fand ein breites Publikum. Charlottes Moderatorenerfahrung machte
sie zu einem praktikablen und gern genommenen Gast der unzähligen
Talk -, Interview – und Wir besuchen uns für die Bewerbung unserer
Produkte einfach gegenseitig – Shows. Dort sollte sie zur Belustigung
die jeweils ekeligsten Stellen aus ihrem Buch beispielhaft vortragen.
Alte verklemmte Typen laden gerne junge Frauen wegen bisschen Schmuddel
ein. Vor allem wenn sie optisch eher …eben wir kennen sie ja.
Der Roman ist literarisch entbehrlich. Die Sprache bietet wirklich wenig Besonderes, nicht einmal heiße Jugendkulturfloskeln. Die Story, sozusagen die Handlung ist stark begrenzt und weder von spektakulärer Spannung, noch neuen Erkenntnissen, tiefen Gefühlen, historischen Zusammenhängen oder irgendwas in dieser Richtung erfüllt. Die ganze Sache dreht sich fast ausschließlich um, bzw. ist nur das seichte Rahmenprogramm für die immer deutlich hervorgekehrte Vorliebe und Verfolgung ausdrücklicher Antihygiene. Dies wird bei allen Gelegenheiten und in Bezug auf alle Lebensbereiche und natürlich besonders in Zusammenhang mit den relativ weitreichenden sexuellen Errungenschaften ihrer Heldin Helen dargestellt. Zusätzlich entwickelt sie ein gewisses Sendungsbewusstsein die Welt mit der Antihygiene zu versorgen und schadenfroh zu necken. Helen ist ein wenig infantil. Ist wahrscheinlich in dem Alter, in dem man sich gewöhnlich für sehr erwachsen hält ganz normal.
Das
Buch liest sich leicht und schnell mangels Gehalt. Wenngleich die
Hygieneparanoia einiger Wohlstandsbürger zweifellos so lächerlich
wie dumm ist, würde ein Psychologe Helens, und laut ihrer Talk-Show
Besuche auch Charlottes Hygieneauffassung als zwanghafte Störung
aufgrund frühkindlicher Traumen in der analen Phase verstehen. Das
wird auch bestätigt, denn die Heldin rebelliert gegen den bürgerlichen
und geschlechtlich ungerechten Hygienewahn ihrer Mutter. Bestimmt
ist die besessene Fixierung auf die Lust sich zu beschmutzen und
immer irgendwelche Aufhänger oder sonstig scheinbar außergewöhnlichen
Praktiken zu nutzen nicht die Lösung und kein Zeichen eines entspannten
und gesunden Verhältnisses zur Sexualität und allen möglichen Varianten
mit und ohne Bakterien. Leider bleibt die ganze Sache sehr oberflächlich
und es werden keine Zusammenhänge klar außer, dass eben Helen geil
auf Schmutz ist, weil ihre Mutter den immer verboten hat. Na toll.
Insgesamt ist es die flache Geschichte eines jungen Allerweltsmädchens,
dass ihre bürgerliche Vergangenheit und Jugendkonflikte verarbeitet.
Der berüchtigte MRR würde wohl einmal mehr von Nabelschau
sprechen. Weil aber genau das das Problem eines großen Teiles der
Gesellschaft und von Frauen und Mädchen noch immer ist, kommt die
pseudolockere Dreckspielerei bei Vielen an und das eigentliche Drama
ist, wie furchtbar hartnäckig das Problem sein kann und wiederkehrt.
So gesehen war dies Werk sicher noch sehr nötig zur Befreiung der
Frau und als neuer Anstoß gegen die, auch durch wahnwitziges Medienbombardement
bewirkte, Stagnation der sexuellen Revolution. Nur kein Stress:
So allgemein normales Vögeln auch nach der Dusche ist nicht geringwertig
und vollkommen okay. Liebe stört nicht. Sorry, Charlotte, dein Zeug
ist gar nicht so interessant, aber wir gönnen dir die Kohle und
mögen dich trotzdem.
bernhard
r.c.faaß www.empyreal.de
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