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Literarisch entbehrlich


 
Autor: Charlotte Roche
Titel: Feuchtgebiete
Originaltitel: -
Umfang: 224 Seiten
Format: Taschenbuch
Preis: EUR 8,95
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3548280400
Website: www.ullstein.de  


Nicht mehr ganz aktuell ist der dauernde Erfolg dieses Buches auffällig. Charlotte Roche muss nicht näher beschrieben werden, seit sie eine der frühen und erfolgreicheren MTV-Moderatorinnen war, was in gewissen Kreisen als Garant für nicht zwangsläufig überbordende intellektuelle Möglichkeiten gilt. Ihr Gouvernanten-Charme war mir stets sympathisch. Vielleicht lag es nur daran, dass sie kein idiotisches Kreischblondchen-Klischee bediente, welches nur aus T & A zu bestehen scheint. Als mit MTV Schluss war, versank sie gebührlich in Vergessenheit. Weil sie eine gar so große Nummer bei dem Musiksender zu sein schien, wunderte sich mancher, wie kategorisch ihr Karriereende ausfiel.
 
    
 

Dann kam sie relativ unerwartet mit einem Roman ans Tageslicht zurück. Die Einen überrascht (können MTV-Moderatorinnen schreiben und lesen?), andere desinteressiert, wurde dieser stark beworben und fand ein breites Publikum. Charlottes Moderatorenerfahrung machte sie zu einem praktikablen und gern genommenen Gast der unzähligen Talk -, Interview – und Wir besuchen uns für die Bewerbung unserer Produkte einfach gegenseitig – Shows. Dort sollte sie zur Belustigung die jeweils ekeligsten Stellen aus ihrem Buch beispielhaft vortragen. Alte verklemmte Typen laden gerne junge Frauen wegen bisschen Schmuddel ein. Vor allem wenn sie optisch eher …eben wir kennen sie ja.

Der Roman ist literarisch entbehrlich. Die Sprache bietet wirklich wenig Besonderes, nicht einmal heiße Jugendkulturfloskeln. Die Story, sozusagen die Handlung ist stark begrenzt und weder von spektakulärer Spannung, noch neuen Erkenntnissen, tiefen Gefühlen, historischen Zusammenhängen oder irgendwas in dieser Richtung erfüllt. Die ganze Sache dreht sich fast ausschließlich um, bzw. ist nur das seichte Rahmenprogramm für die immer deutlich hervorgekehrte Vorliebe und Verfolgung ausdrücklicher Antihygiene. Dies wird bei allen Gelegenheiten und in Bezug auf alle Lebensbereiche und natürlich besonders in Zusammenhang mit den relativ weitreichenden sexuellen Errungenschaften ihrer Heldin Helen dargestellt. Zusätzlich entwickelt sie ein gewisses Sendungsbewusstsein die Welt mit der Antihygiene zu versorgen und schadenfroh zu necken. Helen ist ein wenig infantil. Ist wahrscheinlich in dem Alter, in dem man sich gewöhnlich für sehr erwachsen hält ganz normal.

Das Buch liest sich leicht und schnell mangels Gehalt. Wenngleich die Hygieneparanoia einiger Wohlstandsbürger zweifellos so lächerlich wie dumm ist, würde ein Psychologe Helens, und laut ihrer Talk-Show Besuche auch Charlottes Hygieneauffassung als zwanghafte Störung aufgrund frühkindlicher Traumen in der analen Phase verstehen. Das wird auch bestätigt, denn die Heldin rebelliert gegen den bürgerlichen und geschlechtlich ungerechten Hygienewahn ihrer Mutter. Bestimmt ist die besessene Fixierung auf die Lust sich zu beschmutzen und immer irgendwelche Aufhänger oder sonstig scheinbar außergewöhnlichen Praktiken zu nutzen nicht die Lösung und kein Zeichen eines entspannten und gesunden Verhältnisses zur Sexualität und allen möglichen Varianten mit und ohne Bakterien. Leider bleibt die ganze Sache sehr oberflächlich und es werden keine Zusammenhänge klar außer, dass eben Helen geil auf Schmutz ist, weil ihre Mutter den immer verboten hat. Na toll. Insgesamt ist es die flache Geschichte eines jungen Allerweltsmädchens, dass ihre bürgerliche Vergangenheit und Jugendkonflikte verarbeitet. Der berüchtigte MRR würde wohl einmal mehr von Nabelschau sprechen. Weil aber genau das das Problem eines großen Teiles der Gesellschaft und von Frauen und Mädchen noch immer ist, kommt die pseudolockere Dreckspielerei bei Vielen an und das eigentliche Drama ist, wie furchtbar hartnäckig das Problem sein kann und wiederkehrt. So gesehen war dies Werk sicher noch sehr nötig zur Befreiung der Frau und als neuer Anstoß gegen die, auch durch wahnwitziges Medienbombardement bewirkte, Stagnation der sexuellen Revolution. Nur kein Stress: So allgemein normales Vögeln auch nach der Dusche ist nicht geringwertig und vollkommen okay. Liebe stört nicht. Sorry, Charlotte, dein Zeug ist gar nicht so interessant, aber wir gönnen dir die Kohle und mögen dich trotzdem.

bernhard r.c.faaß www.empyreal.de

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