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Mythos Vollbeschäftigung


 
Autor: Andreas Exner, Judith Sauer, Pia Lichtblau, Nora Hangel, Veronika Schweiger, Stefan Schneider (Hg.)
Titel: Losarbeiten - Arbeitslos? - Globalisierungskritik und die Krise der Arbeitsgesellschaft
Originaltitel: -
Umfang: 284 Seiten
Format: Broschiert
Preis: EUR 16,-
Verlag: Unrast Verlag, Münster (1. Auflage, Oktober 2005)
ISBN: 3897714434


Die Krise der Arbeitsgesellschaft äußert sich in Massenarbeitslosigkeit, Lohnrückgängen und der allmählichen Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses. Die sich daraus ergebenden Fragen wurden im Rahmen der Attac-Sommerakademie 2004 diskutiert und die Vorträge in einem Buch zusammengefasst. Zugegeben: einfach zu lesen ist dieses Buch nicht. Warum es Ihnen trotzdem wärmstens empfohlen werden soll, ist weit einfacher gesagt: die (leider zum Teil in wissenschaftlicher Sprache verfassten) Texte rücken Betrachtungsweisen in den Vordergrund, die von anderen Medien totgeschwiegen werden. Logischerweise, wie eins beim Lesen merkt. Denn trotz eines breiten Spektrums an Theorien und Perspektiven wird die Grundaussage bald klar: Nicht die Arbeit ist in der Krise, sondern die Arbeitenden und die Arbeitssuchenden. Letztere allerdings nur deshalb, weil kapitalistische Interessen ihnen das – derzeit noch ziemlich erfolgreich – einreden.
 
    
 

Denn, von außen betrachtet, ist völlig unverständlich, warum so viele Menschen mit allen Mitteln danach trachten, Arbeitsplätze zu erhalten, wenn es, gemessen an der Bevölkerungszahl, zu wenige Arbeitsplätze gibt. Es fehlt offensichtlich nicht an (Erwerbs-) “Arbeit“, sondern an Geld – aber der Zusammenhang zwischen Lohnarbeit und ausreichender materieller Versorgung ist bedauerlicherweise gerade dabei, sich aufzulösen.

Es wird allerdings nicht leicht sein, die neuen Denkansätze unter die Leute zu bringen. Denn vermutlich werden wir die Wahrheit anfangs gar nicht wissen wollen. Vereinfacht gesagt: wenn wir mit einer neuen Theorie konfrontiert werden, die uns zeigt, dass wir gegenwärtig verblödet handeln (indem wir wie verrückt der Erwerbsarbeit nachrennen, obwohl das unserer körperlichen und seelischen Gesundheit schadet und sowieso nicht genug Geld für ein angenehmes Leben einbringt), müssen wir diese neue Theorie ignorieren oder abwerten (“Kapitalismus abschaffen? So ein Schmarrn!“), damit wir uns unsere Blödheit nicht eingestehen müssen. Und es bleibt uns nichts anderes übrig, als unser derzeitiges Leben und Handeln zu verteidigen und zu beschönigen und uns für unser Scheitern selbst die Schuld zu geben .

Während im ersten Teil des Buches der Begriff "Arbeit“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet wird, werden im zweiten Teil die “Leiden der Arbeit“ beleuchtet. In gewohnt eindrucksvoller Form erzählt uns Marianne Gronemeyer, was passiert, wenn uns die Arbeit ausgeht. Sie rät uns, mit gewohnten Denkmustern zu brechen, wenn es um Arbeitslosigkeit geht: “Tatsächlich hätten wir allen Grund, die Nicht-Arbeiter und Nicht-Arbeiterinnen fürstlich zu honorieren, denn sie schädigen die Gesellschaft bei weitem weniger als diejenigen, die ihre Arbeitskraft in den Dienst des großen “Weltverbesserungsprojekts“ der Moderne stellen, das in Wahrheit unsere Lebensgrundlagen vollständig zerstört. Aber ebenso tatsächlich gehört es natürlich zu den Spielregeln der modernen Gesellschaft, gerade denjenigen Macht, Autorität und Erfolg zuzuerkennen, die die Gesellschaft am nachhaltigsten schädigen, die den meisten das Meiste vorzuenthalten vermögen. Wir müssten also die Verteilung von Schaden und Nutzen neu bedenken.“

Verspielt hat Lisbeth Trallori ihre Chance, das Thema “Armut durch Arbeit“ einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen. Die von ihr aufgestellten hochinteressanten Thesen werden durch ihre universitäre Fachsprache leider für viele unlesbar. Dennoch bringt sie die Situation auf den Punkt: die Gehälter einer Elite hoch qualifizierter männlicher “Wissensarbeiter“ wird kontinuierlich angehoben, die Löhne ungelernter ArbeiterInnen ständig abgesenkt. “Herabgestufte Löhne sollen einmal gewährleisten, dass die Menschen selbst an ihrer Leistungsfähigkeit zweifeln und diese entwerten, zum anderen sollen existenzieller Druck und materielle Nöte sie zur Mehrarbeit treiben.“

“Was ist also zu tun?“ fragt der dritte Teil des Buches und bietet Lösungsvorschläge an. Am faszinierendsten kommt Alfred Fresins “bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft“ daher: völlige Abschaffung des Kapitalismus und Wechsel zu einer geplanten Produktion und Versorgung für alle. Was auf den ersten Blick wie aufgewärmter Realsozialismus aussieht, lässt sich – mit dem nötigen Abstand zum kapitalistischen Alltag – beinahe lückenlos durchdenken, weil Fresins Modell Antwort auf alle Fragen gibt, die sich im ersten Moment aufdrängen. Wie es zum Beispiel mit der Arbeitsmoral aussehen könnte, wenn der (existenzielle) Zwang zum Arbeiten entfällt. Oder ob die Zuordnung der Güter wie der Arbeitsplätze durch einige Wenige nicht ein Diktat ist. Ein Text zum Träumen und Entspannen.

Zurück in die Realität geht es dann mit Stefan Meretz und Uli Weiss, die anhand des Projekts Freie Software zeigen, dass Entwicklung auch “jenseits der kapitalistischen Verwertungslogik“ möglich ist. Seit einigen Jahren wird die Software Linux kostenfrei im Internet zur Verfügung gestellt. Entwickler und Anwender arbeiten gemeinsam an der kontinuierlichen Verbesserung, ohne daraus finanzielle Ansprüche ableiten zu wollen. Im letzten Teil kann eins sich Informationen und Reflexionspositionen über die verschiedenen Richtungen der Globalisierungskritik und des Widerstands holen; Andreas Exners Ausleitung bringt eine gute Zusammenfassung.

Vielleicht hat Ihnen das Christkind ja einen Büchergutschein gebracht. Hier wäre er gut investiert.

Christa Neubauer

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