Die Krise
der Arbeitsgesellschaft äußert sich in Massenarbeitslosigkeit, Lohnrückgängen
und der allmählichen Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses. Die
sich daraus ergebenden Fragen wurden im Rahmen der Attac-Sommerakademie
2004 diskutiert und die Vorträge in einem Buch zusammengefasst. Zugegeben:
einfach zu lesen ist dieses Buch nicht. Warum es Ihnen trotzdem wärmstens
empfohlen werden soll, ist weit einfacher gesagt: die (leider zum
Teil in wissenschaftlicher Sprache verfassten) Texte rücken Betrachtungsweisen
in den Vordergrund, die von anderen Medien totgeschwiegen werden.
Logischerweise, wie eins beim Lesen merkt. Denn trotz eines breiten
Spektrums an Theorien und Perspektiven wird die Grundaussage bald
klar: Nicht die Arbeit ist in der Krise, sondern die Arbeitenden und
die Arbeitssuchenden. Letztere allerdings nur deshalb, weil kapitalistische
Interessen ihnen das – derzeit noch ziemlich erfolgreich – einreden.
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Denn,
von außen betrachtet, ist völlig unverständlich, warum so viele
Menschen mit allen Mitteln danach trachten, Arbeitsplätze zu erhalten,
wenn es, gemessen an der Bevölkerungszahl, zu wenige Arbeitsplätze
gibt. Es fehlt offensichtlich nicht an (Erwerbs-) “Arbeit“, sondern
an Geld – aber der Zusammenhang zwischen Lohnarbeit und ausreichender
materieller Versorgung ist bedauerlicherweise gerade dabei, sich
aufzulösen.
Es
wird allerdings nicht leicht sein, die neuen Denkansätze unter die
Leute zu bringen. Denn vermutlich werden wir die Wahrheit anfangs
gar nicht wissen wollen. Vereinfacht gesagt: wenn wir mit einer
neuen Theorie konfrontiert werden, die uns zeigt, dass wir gegenwärtig
verblödet handeln (indem wir wie verrückt der Erwerbsarbeit nachrennen,
obwohl das unserer körperlichen und seelischen Gesundheit schadet
und sowieso nicht genug Geld für ein angenehmes Leben einbringt),
müssen wir diese neue Theorie ignorieren oder abwerten (“Kapitalismus
abschaffen? So ein Schmarrn!“), damit wir uns unsere Blödheit nicht
eingestehen müssen. Und es bleibt uns nichts anderes übrig, als
unser derzeitiges Leben und Handeln zu verteidigen und zu beschönigen
und uns für unser Scheitern selbst die Schuld zu geben .
Während
im ersten Teil des Buches der Begriff "Arbeit“ aus unterschiedlichen
Blickwinkeln betrachtet wird, werden im zweiten Teil die “Leiden
der Arbeit“ beleuchtet. In gewohnt eindrucksvoller Form erzählt
uns Marianne Gronemeyer, was passiert, wenn uns die Arbeit ausgeht.
Sie rät uns, mit gewohnten Denkmustern zu brechen, wenn es
um Arbeitslosigkeit geht: “Tatsächlich hätten wir
allen Grund, die Nicht-Arbeiter und Nicht-Arbeiterinnen fürstlich
zu honorieren, denn sie schädigen die Gesellschaft bei weitem
weniger als diejenigen, die ihre Arbeitskraft in den Dienst des
großen “Weltverbesserungsprojekts“ der Moderne
stellen, das in Wahrheit unsere Lebensgrundlagen vollständig
zerstört. Aber ebenso tatsächlich gehört es natürlich
zu den Spielregeln der modernen Gesellschaft, gerade denjenigen
Macht, Autorität und Erfolg zuzuerkennen, die die Gesellschaft
am nachhaltigsten schädigen, die den meisten das Meiste vorzuenthalten
vermögen. Wir müssten also die Verteilung von Schaden
und Nutzen neu bedenken.“
Verspielt
hat Lisbeth Trallori ihre Chance, das Thema “Armut durch Arbeit“
einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen. Die von ihr aufgestellten
hochinteressanten Thesen werden durch ihre universitäre Fachsprache
leider für viele unlesbar. Dennoch bringt sie die Situation auf
den Punkt: die Gehälter einer Elite hoch qualifizierter männlicher
“Wissensarbeiter“ wird kontinuierlich angehoben, die Löhne ungelernter
ArbeiterInnen ständig abgesenkt. “Herabgestufte Löhne sollen einmal
gewährleisten, dass die Menschen selbst an ihrer Leistungsfähigkeit
zweifeln und diese entwerten, zum anderen sollen existenzieller
Druck und materielle Nöte sie zur Mehrarbeit treiben.“
“Was
ist also zu tun?“ fragt der dritte Teil des Buches und bietet
Lösungsvorschläge an. Am faszinierendsten kommt Alfred
Fresins “bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft“
daher: völlige Abschaffung des Kapitalismus und Wechsel zu
einer geplanten Produktion und Versorgung für alle. Was auf
den ersten Blick wie aufgewärmter Realsozialismus aussieht,
lässt sich – mit dem nötigen Abstand zum kapitalistischen
Alltag – beinahe lückenlos durchdenken, weil Fresins
Modell Antwort auf alle Fragen gibt, die sich im ersten Moment aufdrängen.
Wie es zum Beispiel mit der Arbeitsmoral aussehen könnte, wenn
der (existenzielle) Zwang zum Arbeiten entfällt. Oder ob die
Zuordnung der Güter wie der Arbeitsplätze durch einige
Wenige nicht ein Diktat ist. Ein Text zum Träumen und Entspannen.
Zurück
in die Realität geht es dann mit Stefan Meretz und Uli Weiss, die
anhand des Projekts Freie Software zeigen, dass Entwicklung auch
“jenseits der kapitalistischen Verwertungslogik“ möglich ist. Seit
einigen Jahren wird die Software Linux kostenfrei im Internet zur
Verfügung gestellt. Entwickler und Anwender arbeiten gemeinsam an
der kontinuierlichen Verbesserung, ohne daraus finanzielle Ansprüche
ableiten zu wollen. Im letzten Teil kann eins sich Informationen
und Reflexionspositionen über die verschiedenen Richtungen der Globalisierungskritik
und des Widerstands holen; Andreas Exners Ausleitung bringt eine
gute Zusammenfassung.
Vielleicht
hat Ihnen das Christkind ja einen Büchergutschein gebracht.
Hier wäre er gut investiert.
Christa
Neubauer
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