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Sherlock Holmes – noch heute gilt er als König aller
Detektive. Aber was wissen wir wirklich über ihn? Sein Chronist
Watson hat zwar nicht weniger als 60 Erzählungen um seinen
berühmten Freund verfasst, aber selbst ihm gegenüber
erging sich der Detektiv über seine Kindheit und Jugend nur
in Andeutungen.
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Der Brite Nick Rennison hat sich nun die Mühe gemacht,
die Biographie des Meisterdetektivs nachzuerzählen, anhand
der nur bruchstückhaft vorliegenden seriösen Quellen
wahrlich kein leichtes Unterfangen. Und doch, trotz der 60 vorliegenden
Manuskripte des wackeren Doktors, so muss man sich vor Augen halten,
dass Holmes allein in “Der Hund von Baskerville“ von “fünfhundert
Fällen von erstrangiger Bedeutung“ spricht, an denen er im
Laufe der Zeit gearbeitet hat. Dr. Watsons Aufzeichnungen befanden
sich laut eigenen Angaben in einem Schließfach des Bankhauses
Cox & Co. in Charing Cross. Diese unschätzbaren Manuskripte
dürften jedoch das Bombardement des Bankhauses im Zweiten
Weltkrieg nicht überstanden haben. Was immer diese Dokumente
an Geheimnissen enthalten haben mögen, für die Nachwelt
dürften sie für alle Zeit verloren sein.
So rankt sich um die Gestalt des Detektivs eine Vielzahl
an Legenden und Halbwahrheiten. Schon zu seinen Lebzeiten erschien
ab 1907 in Deutschland die Groschenromanreihe “Aus den Geheimakten
des Weltdetektivs“ mit fiktiven (?) und reißerischen Abenteuern
eines Holmes, der hier als einigermaßen egozentrisches Großmaul
dargestellt wurde (“Komm her und lasse dich fesseln, denn
wisse, du hast es mit Sherlock Holmes zu tun“). Dr. Watson
und sein Literaturagent Conan Doyle dürften “not amused“ gewesen
sein. Und doch, höllisch unterhaltsam war diese Reihe allemal.
Und über einen etwaigen Wahrheitsgehalt kann man bestenfalls spekulieren,
doch auch Watson stellt Holmes nicht unbedingt als sehr bescheiden
dar. “Mein Name ist Sherlock Holmes, und es ist meine Aufgabe,
das zu wissen, was andere nicht wissen.“ betont der Detektiv
selbst in „Der blaue Karfunkel“.
Sind unsere gesicherten Kenntnisse um den
Detektiv schon sehr begrenzt, so gilt das auch für seinen
Chronisten Watson. Auch bei ihm sind wir bei biographischen Details
auf seinen auf kurzen Andeutungen basierenden Spekulationen angewiesen.
Als gesichert dürfte gelten, dass der so bieder und treuherzig
wirkende Watson eines jener stillen Wasser gewesen sein dürfte,
die in Wahrheit sehr tief sind. So erzählt Watson in “Der
Flottenvertrag“ quasi beiläufig und ungerührt, dass
er seinerzeit seinen Schulkameraden Percy über den Schulhof
zu jagen pflegte und mit einer Weidenrute über seine Schienbeine
schlug. Der brave Dr. Watson, in seiner Jugend ein wilder Rabauke?
Kaum zu glauben. Und doch, die traumatischen Kriegserlebnisse
Jahre später in Afghanistan hatten tiefe Spuren in dem jungen
Mann hinterlassen. Geläutert dürfte ihn das nicht haben,
denn Watson erzählt in “Eine Studie in Scharlachrot“ selbst,
dass er nach seiner Rückkehr in London über seine Verhältnisse
gelebt habe. Was wir wohl noch alles über den guten Doktor
erfahren werden?
Ein gesondertes Kapitel widmet sich Holmes’
etwas paranoiden Verhältnis zu seinem Erzfeind Professor
Moriarty. War dessen Tod in den Reichenbachfällen gar von
Holmes kaltblütig geplant? Denn dass Holmes bei dem Zweikampf
als erfahrener Fechter und Boxer dem Professor grenzenlos überlegen
gewesen sein dürfte, scheint logisch. Wie bei so vielem liegen
auch diese Ereignisse im Dunkeln – vielleicht ist es aber auch
besser so.
Fazit: Eine Unzahl an Autoren
hat sich am Phänomen Holmes mit Plagiaten,
Parodien, Pseudobiographien und vielem weiterem mehr bei sehr,
sehr schwankender Qualität versucht. Noch
ein Holmes-Buch, ist man da versucht zu fragen. Rennisons Holmes-Biographie
jedoch darf man unbesorgt zu den guten Werken zählen. Das
liebevoll recherchierte Buch macht sicherlich jedem Freund des
Meisterdetektivs Freude und ist uneingeschränkt zu empfehlen.
“Wenn man alles Unmögliche ausschließt, so muss das,
was übrig bleibt, und sei es auch noch so unwahrscheinlich,
die Wahrheit sein.“ So belehrt uns der Detektiv bei Watson bzw.
Doyle selbst. Doch für Nachwuchsdetektive wie für Holmes-Biographen
ist dieser legendäre Satz nur wenig hilfreich – denn in diesem
faszinierenden Universum ist nichts unmöglich.
Stefan Meduna
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