Eine
Gruppe von Menschen kommt aus dem Kino, es war ein anspruchsvoller
Film. Während die meisten angeregt diskutierend auf ein Beisl zusteuern,
bleibt Werner still und verabschiedet sich bei nächster Gelegenheit.
Er muss seine Gedanken ordnen, sagt er.
Wenn
Romana bügelt, stellt sie leise Musik an. Aber wenn dann das
Telefon läutet, muss sie die Musik abdrehen, damit sie sich
auf das Gespräch konzentrieren kann.
Zwei
Beispiele für Hochsensibilität. Was für eine Minderheit
(ca. 15 – 20 Prozent der Bevölkerung ist "betroffen“)
völlig selbstverständlich klingt, bewirkt bei der Mehrheit
nur ein Kopfschütteln.
Alle
Menschen, egal ob mehr oder weniger empfindlich, fühlen sich
innerhalb einer bestimmten Bandbreite von Anregung durch verschiedenste
Reize am wohlsten. Erhalten sie nicht genügend Anregung bzw.
Stimulation, fühlen sie sich gelangweilt und unwohl. Werden
sie hingegen von mehr Reizen stimuliert als ihnen lieb ist, so fühlen
sie sich überfordert, hilflos oder gar bedroht.
Hochsensible
Personen (HSP) erreichen die optimale Anregung schon bei einem Maß
an Stimulation, bei dem sich die nicht hochempfindliche Mehrheit
noch
langweilt. Wird die Stimulation gesteigert bis zu dem Maß,
an dem sich die Mehrheit optimal stimuliert fühlt, sind HSP
bereits überstimuliert.
Hochempfindlichkeit
ist also ein Minderheitenphänomen. Die Mehrheit diktiert, was
„normal“ ist und bestimmt die Rahmenbedingungen. Das
klaglose Ertragen und sogar Genießen der Hektik des modernen
"Lifestyle“ mit seiner Reizflut, die Überbetonung
sich ständig ändernder Banalitäten sowie die Erhebung
von Jugendlichkeit, Extravertiertheit und Materialismus zu unantastbaren
Götzen ist zum Standard geworden. Kein Wunder, dass sich viele
HSP an Plätzen und Positionen befinden, für die sie schlecht
gerüstet sind.
Früher
wurden Hochempfindliche besonders geschätzt und fanden verschiedenste
Nischen, beispielsweise im Bereich der Kunst oder der Religion.
Heute werden sie geduldet und ihnen Einbildung, Neurosen oder schlimmeres
zugeschrieben.
Mit
seinem Buch will Georg Parlow hochsensiblen Menschen helfen, sich
selbst, ihre Eigenheiten und das, was sie von anderen unterscheidet,
zu verstehen und anzunehmen.
Unterschiede
gibt es beispielsweise in der sinnlichen Wahrnehmung: HSP nehmen
Geräusche intensiver wahr und können sich an Lärm
oder penetrante Geräusche schlechter gewöhnen. - Können
Sie einen tropfenden Wasserhahn akustisch "wegschalten“
oder wird er Sie in wenigen Minuten zum Wahnsinn treiben. Auch feineres
Wahrnehmen von optischen Eindrücken zählt dazu. Viele
HSP sehen auf den ersten Blick, ob jemand gefärbtes Haar hat,
weil die bei jedem Wesen existierende subtile natürliche Harmonie
zwischen den Farben von Haut, Augen, Augenbrauen und Haar in einer
für sie erkennbaren Art gestört ist.
"Als
ich jünger war, konnte ich mich an alles erinnern, egal ob
es wirklich passiert war oder nicht“, schreibt Mark Twain.
Viele Hochsensible besitzen eine äußerst lebendige und
bildhafte Vorstellungskraft. Dies bezieht sich auch auf künftige
Entwicklungen. Darum werden nicht hochempfindliche Menschen von
HSP mitunter als dumm oder selbstzerstörerisch gesehen, wenn
sie – scheinbar – sehenden Auges in ihr Unglück
rennen. Weniger angenehm ist allerdings, dass auch Angstauslöser
von HSP weit besser vorgestellt werden können.
Hochsensible
zeigen auch die Tendenz, in größeren Zusammenhängen zu denken, viel
zu reflektieren und zu sinnieren. Sie gelten als eher gewissenhaft,
verantwortungsbewusst und haben hohe ethische Standards. Leider
machen sie in einer nicht hochempfindlichen Umgebung häufig die
Erfahrung, ins Unrecht gesetzt zu werden. Dies bedingt eine größere
psycho-emotionale Verletzungsgefahr und bringt Probleme mit dem
Selbstwert.
Hilfe
zur Selbsthilfe gibt das Buch mit Tipps zum Selbstmanagement. Vom
Körperkonzept – Parlow bezeichnet den Körper einer
HSP als "Kleinkindkörper“ – über Ernährung
und Regeneration bis zum besseren Umgang mit Überstimulation
reicht das Repertoire. Auch Partnerschaft und Arbeit/Berufstätigkeit
kommen nicht zu kurz. Insgesamt also ein gutes Handwerkszeug für
alle Betroffenen.
Christa
Neubauer
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