Musik-Genie
Frank Zappa, das unsere Welt 1993 im Alter von 52 Jahren viel, viel,
viel zu früh verließ, war nicht nur ein genialer Komponist, sondern
auch ein begnadeter ja geradezu irrwitziger Gitarrist. Zappa, pendantischer
Perfektionist, der seit Anfang der 70er so ziemlich jedes seiner Konzerte
mitgeschnitten hatte, hinterließ seiner Nachwelt eine Schatzkammer
mit tausenden Stunden bisher unveröffentlichten Live-Materials, sowie
mehrere hundert Syn-clavier Kompositionen (Musik die wir wohl nie
in all ihrer Fülle zu hören bekommen werden).
Es gibt bereits jetzt hunderte von Veröffentlichungen und ständig
kommen neue hinzu. Das erschlägt fast und immer wieder kommt
die Frage auf, mit was sollen sich Zappa-Neulinge die bisher nur “Bobby
Brown“ kennen, an das fast uferlose Oeuvre des Meisters heranwagen,
mit was soll man anfangen? Im Herbst 2006 wurde posthum eine CD veröffentlicht,
die Zappa selbst Anfang der 90er noch zusammenstellte und
die durchaus auch als "Appetizer" für Einsteiger angesehen
werden kann.
“Trance-Fusion“,
eine CD nur voll mit Gitarrensoli, die Zappa als wahren Virtuosen
an der Gitarre präsentiert. Die Lücke, die die zwei vorausgegangenen
Veröffentlichungen (die 3er-Box "Shut up and play Your
Guitar" - Anfang der 80er - und das Doppelalbum "Guitar"
von 1986) offen ließen, wird jetzt endlich geschlossen. “Trance-Fusion“
enthält insgesamt 16 Gitarrensoli, wobei neun aus Konzerten
der letzten großen Rock-Tour Zappas von 1988 entnommen sind,
Solo-Material also, das auf den bisherigen Veröffentlichungen
noch nie berücksichtigt wurde und somit hier zum ersten mal
zu Ehren kommt. Zweimal hören wir nicht nur Vater Frank sondern
auch Sohn Dweezil Zappa an der Gitarre.
Die Auswahl der Soli ist sehr abwechslungsreich,
die Tracks sind nicht zu lang sondern für Zappas Verhältnisse
recht kurz und knackig, was “Trance-Fusion“ nie langweilig
werden lässt und zu einem tollen Ausflug in Zappas Gitarrenwelt
macht. Trotzdem ist das ganze irre kompliziert und kaum in einem
Stück hörbar. Zappas meisterhaft durchkomponierte Songs
verliefen meistens in einen songabhängig rhythmisch variierenden
Vamp, so dass viel Raum für ausgedehnte Solis blieb, die sich
aber je nach Song immer völlig verschieden entwickelten. Ein
und der selbe Song konnte an zwei verschiedenen Abenden zu völlig
verschiedenen Soli führen, Zappas Spektrum an der Gitarre war
unbegrenzt. Fast immer super hektisch und wild, meistens verrückt
aber manchmal auch super entspannt und wunderschön.
Man sollte bei "Trance-Fusion" ganz genau hinhören
und jedem Ausflug seine volle Aufmerksamkeit widmen, sonst verkommt
das Ganze zu einem Hintergrundbrei, der leicht nervig werden kann.
Wenn man aber voll dabei ist, warten einige irre Überraschungen
und ein tolles Hörvergnügen. Auf keinen Fall eine CD,
die man nach einmaligem Hören weglegen wird.
Hier meine absoluten Lieblinge (bis
jetzt): "Bowling On Charen" ist aus einer 1977ger Aufnahme
des Songs "Wild Love" und das absolut facettenreichste
Solo der CD, so abwechslungsreich und wunderschön dass man
platt ist. "A Cold Dark Matter" ist das entspannteste
Stück der CD, verträumt und himmlisch, so wie die Soli
im Song Inca Roads meistens ausfielen (zu hören auch auf den
Titeltracks der "Shut up and Play your Guitar"-Trilogie).
"Ask Dr. Stupid" dagegen ist ein hartes Stück Fleisch,
auf den stumpfen und stampfenden Beat des Stücks "Easy
Meat" (aus einer Aufnahme von 1979, ähnlich zu hören
auf dem Bootleg "Anyway the wind blows - Frank in Paris").
Für jemanden, der sich sowieso
zu den Hardcore-Fans zählt ist die Scheibe ohnehin ein MUSS.
Doch wer sich zutraut sich eine geschlagene Stunde bloße Gitarrensolos
von Frank Zappa zu geben, einem Könner den man in einer Reihe
mit Jimmy Hendrix nennen darf, dem sei die CD als brenzliger Geheim-Tipp
unterm Tisch zugeschoben.
Niko Burger
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