Pathos, Soul und Herrlichkeit


 
Interpret/Komponist: Joe Cocker
Titel: Have a little Faith
Tracks: 13
Label: Capitol (EMI)
Website: www.empyreal.de  


Wie so viele große Namen muss auch Joe Cocker mit immer dem gleichen, einem Ereignis konfrontiert sein, welches ihn in die Köpfe des Publikums katapultiert hat, ohne das dieses sich leicht darüber hinaus Aufmerksamkeit abringen kann. (Den Klassik -- ECHO bekommt einfach wieder die Anne Sophie Mutter, weil mehr als einen Namen kann sich auch das Bildungsbürgertum nicht merken. Als wenn sonst keiner was zerreißen würde. Die wahren Gründe sind auch nicht erfreulicher.) Also der Fluch von Woodstock: Jeder der dabei war ist seitdem berühmt. Es hätte wohl genügt auf der Bühne in einem Tonkrug hockend Anti-Kriegs-Rhythmen zu furzen um davon zu profitieren. Allerdings muss sich jeder der Betroffenen fragen, ob irgendetwas darüber hinaus von seinem künstlerischen Leben wahrgenommen wird und vor allem geworden wäre, hätte er Woodstock verpasst (z.B.: wegen Durchfall)?
 
    
 

Also wer weiß mehr von J.C. , als dass er damals, der junge, wenig attraktive und zusätzlich reichlich ungepflegt scheinende Kerl war, der mit ungelenken Bewegungen wie ein Spastiker, die gar nichts dafür konnten, den alten Beatles Schmonzes gesungen hat ? Man hatte ohnehin den Eindruck alle Künstler spielten jeweils nur eine Nummer, jedenfalls ist nichts weiter überliefert und wieso hat das dann drei Tage gedauert? Das Beste an der Neuinterpretation war eh die heiße Hammondorgel. Gesanglich bot RINGO, der Sänger des Beatles-Originals, keine unüberwindliche Vorgabe. (Diese Kritik wird mir sicher verziehen, da die stimmliche Dimension RINGOs weithin bekannt ist und er schließlich Schlagzeuger ist.) Seitdem kämpfte Cocker wie so viele seiner Kollegen immer mal wieder mit persönlichen und finanziellen Problemen. Erhob die unwillkürliche Bewegungsspezialität zu einem Markenzeichen, nachdem ständig geklärt werden musste, er sei nicht krank, sondern dies ist Ausdruck der musikalischen Leidenschaft, welche beim Singen über ihn komme.

Obwohl viel älter scheint Cocker hier weit geläuterter und weniger spastisch. Die Bilder auf dem Cover zeigen einen ernsthaften, schwarz-weiß beleuchteten Herrn mit akkuratem Vollbart. Nur das JC Logo auf der Rückseite des Booklets trägt ein bisschen. Alle Texte der schönen Nummern sind vollständig abgedruckt. Diese sind (bis auf eine Nummer) nicht von Cocker, der bei seinen Leisten bleibt. Er ist Sänger. Die durchweg hervorragenden Songs sind von allen möglichen verschiedenen Urhebern und sehr gut auf Cocker zugeschnitten. Sie bieten ein schönes Feld für seine stimmlichen Qualitäten und er holt aus den Liedern heraus, was ihnen gebührt. Vergesst Woodstock. Es waren sowieso alle be....Nein, eben Cocker ist zurecht so angesehen. Singt superklasse. "Summer in the City" war damals der Hit. Eine alte Nummer, welche eine neue Krone erhielt. Das höchst ausgeklügelte Arrangement ist poppig, soulig, Big-Band-artig und bettet Cockers Stimme wie die Stadt, ihre Lichter , die Geräusche und der Duft der sommerlichen Abendluft den spazierenden Nachschwärmer in dem Lied selbst.

Überhaupt ist die Instrumentierung der Nummern reichhaltig, farbig und abwechslungsreich. Streicher, Bläser, Percussion, Backgroundchöre, Synthesizer, Band: Alles da! Die Fülle der Klänge des Instrumentariums werden offenbar von den Arrangeuren erstklassig beherrscht und die Musiker spielen, dass es eine Freude ist. Cocker genießt es und singt voll Sentiment und Pathos. Dick aufgetragen ist das schon. Teilweise bombastisch. Aber nur weil es soviel Vergnügen bereitet. Spirituelles, Trost, Lebensklugheit, Lebensgefühl, Philosophie ach was , Lieder schreibt und singt man über Alles, was es gibt und den Menschen bewegt, betrifft, berührt: "Let the Healing begin", "Have a little Faith", "The Simple Things", "The Great Divide", "Soul Time", "Hell and Highwater", "Take me Home" und mehr. Pathos, Soul und Herrlichkeit.

Wunderbar großzügig und schön produziert. (Es ist möglich überemotionale, Chart-taugliche Musik für Jedermann sauber und kommerziell erfolgreich zu produzieren , OHNE dabei belanglosen Scheiß mangels Seele zu bekommen !)

Die Musik ist wie Cocker in "Standing kneedeep in the River" feststellt: "When will we ever learn? Standing kneedeep in the river, dying of thirst." Diese Scheibe ist Beweis. Hier stehen wir bis zu den Knien im Strom und dürsten nach mehr. Das Lied handelt zwar von einem viel tiefer gehenden menschlichen Irrtum, aber darüber macht euch bitte selbst die befreienden Gedanken!

bernhard r.c.faaß www.empyreal.de

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