Maffay spielt (sich) auf


 
Interpret/Komponist: Peter Maffay
Titel: ewig
Tracks: 13 plus enhanced CD open disc Zugang
Spieldauer: jede Minute ist zu lang
Label: Sony / BMG
Website: www.maffay.de 


"Wenn nicht für immer, dann wenigstens ewig" Von solcher Qualität sind die Texte auf Peter Maffays neuester Platte. Da waren Zeiten von "Über sieben Brücken musst du gehen" vergleichsweise von philosophischem Tiefgang geprägt. Tja, war der Song damals vielleicht gar nicht so schlecht und auch nicht von Maffay, sondern von den in ostdeutschen Landen beheimateten "KARAT", welche auch sonst wiederholt Substanz bewiesen, und nur von Peter M. ge...liehen.
 
    
 

Doch diesmal macht der Peter wieder seine "eigenen" Sachen und es kommt es noch ärger als man ohnehin schon denken wollte:

"Die Peter Maffay open disc ist dein ganz persönlicher Zugang zu Peter Maffay. Dich erwarten spannende Gewinnspiele /(sic ? Anm.d.R.)/, Webchats mit Peter Maffay /(dem wahren Peter Maffay? Wieder Anm.d.R.)/ und andere Specials nur für dich. /(das ist ja mal echt nichtkommerziell: Für jeden Fan eigene individuelle Specials einzurichten ist sicher nicht profitabel. Oder versteht da irgendwer etwas falsch? A.d.R.)/ Darüber hinaus wirst du zu VIP-Veranstaltungen eingeladen /(Da muss es aber sehr viele VIPs geben.)/ und hast die Chance auf persönliche Treffen /(mehrere?)/ mit Peter Maffay." /(grusel A.d.R.)/ .

So steht es auf der CD. Man merkt sofort: das ist das Produkt eines grundehrlichen Rock´n´Rollers, der es nicht mehr nötig hat Fans aus finanziellen Gesichtspunkten heraus mit nutzlosem Schrott zu verblöden. Diesem Mann ist es mit der Musik und seiner Message ernst.

Peter Maffay hat die Ewigkeit entdeckt.

Klar, das sind alles die Ergebnisse der Interessen seiner Plattenfirma. Er selbst hat damit nichts zu tun. Natürlich muss der Künstler leben und da ist es gut, wenn der kommerzielle Teil des Geschäftes in den Händen der Kaufleute liegt, damit sich das Künstlerherz frei den Schwingen des Pegasus hingeben kann. Sicher hat sich da mein neidischer Geist wohl getäuscht. Ich dachte Maffay wäre schon reich. Wahrscheinlich alles verso...schenkt ? An Lilli....?

Man möchte nicht intolerant wirken und ganz sicher und selbstverständlich darf jeder seinen Neigungen und persönlichen Defiziten nachgehen soviel er möchte (solange er niemand anderen schädigt usw.), aber ich fand es schon immer seltsam peinlich, wenn Männer über einem gewissen Alter ein Halbstarken-Image mit abgewetzten Lederjacken verbreiten. Um die auf kotzgrünen Hintergrund verewigten Texte im dunkel und schwarz gehaltenen Booklet: Romantisierende Bilder von aufgereihten Gitarrentrophäen, Hammondorgeltastaturen, ernst blickenden Musikern vor Verstärkern und einem einzeln für sich stehenden Mikrofon überhöhen die Studiosituation zu wertvoller Schöpfung dauernder Rockkultur, ja idealisieren das Leben der Schöpfer selbst. Das freie, wilde Rockmusikerdasein. Maffay mit verschmitzt hochgezogenem Mundwinkel lässig vor einer Harley-Davidson. /(sind so krass Flammen auf den Tank gemalt. Weißt schon: Burn.)/ Lieber würdig altern. Aber egal. Alles kann verziehen werden, wenn die Mucke passt.  

"Da draussen warten deine Träume" Lieber Peter Maffay: Lass sie endlich rein. Peter Maffay bewegt sich auf dem Level von Schülerbands. Sorry Schülerbands, darunter natürlich. Ich verstehe das nicht. Außer es könnte sein er ist einfach so, kann es nicht besser, will es nicht anders. Nicht die Produktion ist mangelhaft. Die Produktion ist top. Die Instrumente klingen wie im Märchen, sind fehlerlos, kristallklar. Eine unnötig lange Note am Ende des ersten Liedes ...in seiner Stimme konnten sie nicht retten. Lies er vielleicht aus dummen Stolz nicht retten .

Gequält tiefgründige Texte optimistischer Ernsthaftigkeit, angeblicher Lebenserfahrenheit. Weisheit des Gutmenschen. Immer einen mitfühlenden Rat der Zuversichtlichkeit parat. Fassadentrost. "Ich kann wenn ich will und ich weiß wenn ich will dann kann ich" Kumpelhaft und jovial kommt Maffay uns. Poetisch. Paradox philosophisch. Die Worte zu platt. Binsenweisheit. Für den der´s mag .

Selbst wenn ich die eine oder andere Konstruktion des Songs gern verfolgen möchte, lenkt mich der Käse den Maffay da von sich gibt ab. Die Musik. So technisch einwandfrei sie sich präsentiert, klanglich beängstigend durchsichtig. Jeden Ton eines jeden einzelnen Instrumentes hört man zu jedem Zeitpunkt aus den Arrangements heraus. Die weniger stark besetzten Nummern sind schlicht und sauber gemischt. Band- oder Verstärkerrauschen, Geräusche, Mikropops, Trittschall oder was sonst auf einer Aufnahme stören könnte sind studiotechnisch längst passé. Aber das hier war teuer. Schön. Produktion Eins Plus. Summa cum Laude. Maffay und seine Band bringen das gewiss auch angemessen auf die Bühne. Da braucht man einen so perfektionistischen Anspruch auch nicht. Maffay live gibt es auch schon lange .

Genussvolle Bosheit erinnert sich gerne an die Zeit als Hochadel sich nach endlosem Sehnen des Volkes auf Deutschland -- Tournee begab. Michael Jäger und sein Geröll. Mit Klampfen-Richard und Carl Watt, ein William Wiemann und Holz Ronnie. Damals mehr noch als heute ein Ereignis geschichtlicher Dimension für die Fans. Dann wurde bekannt, dass Peter Maffay mit seiner Band das Vorprogramm bei den Konzerten bestreiten sollte. Man mutmaßte es sei eine Entscheidung des Veranstalters die Popularität des Hauptacts ohne Rücksicht auf Geschmack, Vorlieben und Wünsche des Publikums zur Präsentation dieses deutschen Acts marketingmässig auszunutzen. Niemand glaubte, die Stones hätten gewusst, wer Maffay war oder die Musik selbst gehört. Man dachte, das kann nicht sein, die wissen davon nichts. Ungebändigter Hohn wallte durch die Rockgemeinde. Voller Abscheu, gezwungen zu sein sich vor dem lang erwartet eigentlichen Genuss einem Schlagersänger das Ohr leihen zu müssen, reiste man in die Stadien. Im Münchner Olympiastadion handelte es sich um durchgängige BUH-Rufe und Aufhören-Chöre. Als das Programm durch war, null Zugabe, nein, frenetischer Verabschiebungsjubel. Grausam .

Offiziell war Maffay (damals) als Vorgruppe der Stones natürlich ein Erfolg. Meine Güte. Es ist schon nicht leicht Anheizer für die lebendigen Feuergötter spielen zu müssen, wenn man den richtigen Stand hat, wie die J.Geils Band. Mr.Wolf, deren Sänger wusste wohl nicht, was er tat, kündigte er den zwischen seiner ehrenvollen Formation und den Kerlen die zum Schluss spielen mussten, zerdrückten, zermahlenden Peter Maffay an, in dem er das Publikum mit Fragen nach ihrer Vorliebe für Schlager aufrüttelte. Teilweise sollen Eier und Tomaten Richtung Bühne geflogen sein. Maffays Management hätte wirklich kommerzielles Interesse hinter mehr Feingefühl zurücktreten lassen können. Sowas hätte nicht sein müssen. Seitdem hat Maffay eine gehörige Fangemeinde hinter sich. Viele Konzerte gespielt.

Damals ging immer das Gerücht Maffay, der selbst wirklich gar nichts drauf habe, könne mit seinem Geld aus den Schlagerhits die guten Musiker um sich scharen, welche dann den Job für ihn erledigten. Wichtigster sei dabei sein dicklicher Gitarrist Frank Diez, welcher optisch weniger Medienkompatibel doch der eigentliche musikalische Könner war. Er benutzte z. B. die wegen des Designs eichenartig wirkenden, dunklen Holzes und der japanischen Herkunft als Wohnzimmergitarre verpönte IBANEZ "Musician", welche in Wahrheit extrem gut und die Elektrik betreffend sehr innovativ war .

Es kam Tabaluga. Sehr erfolgreich. Kindermusicals sind immer gut. Tanzen, Singen, Mitmachen. Riesenshow und alles was es braucht, um nicht anzuecken. Hatte wohl autobiographische Züge der kleine Drache. Die Message bisschen dürftig, aber gut. Ein Lied gefiel mir sogar richtig gut. Ich erwarb die Platte, war von dem Rest enttäuscht und fand: Der Song, welcher es mir angetan hat, war: nicht von Maffay. Gar nicht .

Man hat wieder Kohle und reist um die Welt. Gewinnt Freunde. Ich möchte die Aufrichtigkeit der Beziehungen nicht in Frage stellen. Aber wenn einer in Länder kommt, deren Musiker und die Menschen insgesamt weniger komfortabel situiert sind, werden Produktionsangebote eines begüterten Musikers eher nicht ausgeschlagen. Und warum sollte man sich nicht verstehen und jede Menge Spaß haben. Sich etwas darauf einzubilden, was alle möglichen Künstler und auch Reisende ohne musikalische Mittel seit Jahr und Tag immer wieder zustande bringen, scheint einfach komisch. Nicht Jeder macht aus seinen persönlichen Erfahrungen eine Platte. Nicht jeder hat die Promotionmaschine sie so zu vermarkten. Begegnungen nennt man das. Wenn man ein Maffay und ein Aushängeschild deutschen Kulturverständnisses und Gutmenschentums ist bekommt man dann auch noch den Fred Jay Preis. Wofür ist der?

Man hofft die in der Ferne darb...lebenden Mitmusiker bekommen ihre Tantiemen und es bleibt nicht alles in...zurück zu dieser Platte. "ewig" Die Musik hat keine Eigenart. Technisch perfektes Handwerk. Musikalisches Handwerk. Das sind alles so Schulbeispiele. Prüfung bestanden. Aber wenn Sie handgefertigte Designerarmaturen in einem Marmorbad haben, stellen Sie sich auch nicht rein und bewundern es als hohe Kunst. Es bleibt Handwerk. Funktionell. Die ganze Platte wirkt kalt, seelenlos. Da ist kein Genie. Es sind textlich wie musikalisch furchtbare Plattitüden, Allerweltsinhalte mit großem Aufwand technisch perfekt in Szene gesetzt. Maffay Fans finden dass sicher klasse. Maffay gibt den Underdog -- Hero, ein Held der Mittelmäßigen. Aber Rock, Rock´n´Roll ist bekanntlich nicht nur Musik. Ist Rebellion gegen gefühlloses Establishment. Ist Leidenschaft, Lebensgefühl. Rock ist ein Fels. Roh. Er lebt von der natürlichen Lebendigkeit nicht perfektionistisch sein zu wollen, zu müssen. Rock-Diamanten sind ungeschliffen. Lässt sich ein Richards vielleicht liften? Geschliffene Rock-Brillianten sind selten und dann von großer Genialität. Das lässt sich nicht kaufen und nicht kopieren. Der himmlische Funke findet sich in billigsten Erstlingswerken so gut wie er in den teuersten Profiproduktionen mangeln kann. Es funktioniert offenbar nicht Rock mit dem Anspruch ordentlichen Bürowesens zu produzieren. Es gibt Schlager, viele gute, mit weit mehr Seele.

Rocker sind Steine. Einfache Isarkiesel. Insgesamt unzählig und wie wir alle nicht so herrlich. Doch ist keiner wie der Andere und jeder einzelne mit unvergleichlichen Eigenarten. Edel auch ohne Schliff. Der einzelne Fels als Teil der mächtigen Gebirge des Ganzen. Glänzend vom noblen Staub der Landstrasse des alltäglichen Lebens. Ja, Rock´n´Roll war Musik einer gesellschaftlich benachteiligten Gruppe. Unterschicht. Menschen mit leidvollem Dasein. Die nicht teilhaben konnten am Wohlstand des bürgerlichen Käfigs. Es sind nicht die, welche klein beigegeben haben und über den Weg des geringsten Widerstandes sich im Regelwerk der Konventionen eingenistet ihre Träume und Freiheit an die Fernsehunterhaltung verkauft haben. Zu feige waren den Herausforderungen des Lebens die Stirn zu bieten. Sorry, unterordnende Anpassung und Rock gehen nicht zusammen. Da müsste man sich schon entscheiden. Das Ganze hat den Charme einer Hausratsversicherung. Meinetwegen einer für eine Villa am See. Trotzdem müssen die Fans von P.M. wohl Versicherungsvertreter sein, die auch so gerne Rocker wären und in Wirklichkeit im tiefsten Inneren ihrer Seele eigentlich wild und frei sind. Hätten sein wollen.

"Ich kann wenn ich und ich weiß wenn ich will dann kann ich." Wurde als die Entscheidung anstand eben doch die dumpfe Ruhe Utopiens gewählt und man wählte, wie es heißt einen bürgerlichen Beruf? Ist ja auch vernünftiger. Können ja nicht alle Rockstars werden. Macht der Peter schon für uns. Reist um die Welt, macht Begegnungen, Musicals für unsere Kinder, ist ein kleiner Drache, spuckt Feuer so zur Schau und hat eine Harley Davidson...aber nie über die Stränge. Nichts , was uns beunruhigt. Maffay betreibt den Spagat zwischen Rebellion und gesellschaftsfähigen Konventionen. In alten Märchen läuft das unter Seele verkauft. Dann sieht man auf politischen Infokanal: Einsatz für Kinderrechte, Küsschen für Ministerinchen (sieht aus wie Lilli...), Freundschaft auf höchster Ebene. Der erfolgreiche Rebell-Musiker und die etablierte Familienfrau. Das muss doch ehrlich gemeint sein. Dafür und damit unterbricht man den Redner und eigentlich unhöflich den Fluss der Veranstaltung, welcher man gerade noch hochachtungsvoller Aufmerksamkeit der ernsten Sache wegen ständig sein würdig bedeutsames Gesicht ins Publikum geworfen hatte. Die persönliche Vertrautheit der Privilegierten gestattet sich die Extravaganz. Inszeniert, auch das. Die Teilnahme ist gespielt. Maffay glaubt sich wirklich. Wie so vielen gelingt es ihm nicht mehr wirklich spontan zu sein. Wie seine Lieder ist sein Verhalten derart planmäßig trainiert, dass seine Persönlichkeit oder was man dafür hält, davon übrig ist nur mehr diese Stereotypen an den Tag legt und sie deshalb als solche hingenommen werden müssen. Betroffenheit geht so, Interesse so und wieder herzliche Aufmerksamkeit anders. *Die festgelegten Signale sagen: jetzt ist Mitgefühl. Ich sende dir das Signal Mitgefühl und du projizierst all deine Wünsche an das Mitgefühl da hinein. Dann ist es doch fast wie echtes Mitgefühl. .

There´ s no business, like Showbusiness.Viele Leute nehmen lieber diese Second Hand Emotions. In Ermangelung echter Empfindungen. Sind auch leichter zu ertragen, weniger gefährlich, werden nicht schmerzlich. Aber war das nicht das Problem? Authentizität hieß die politisch korrekte Worthülse für das, was die geschundenen Seelen brauchen. Alles andere hält nur solange die Fassade nicht bröckelt. Sonst fliegt der Schwindel auf. Und was passiert dann mit der Glaubwürdigkeit? Ach ist schon zu oft passiert .

"Wir müssen die Zeichen sehen" singt Maffay. Könnte klappen.

P.S.: Gleich darauf legte ich zum ersten Mal "MEDUSA" von Annie Lennox auf. Eine ältere Produktion mit sehr viel künstlich, elektronischen Klangerzeugern. Lauter bekannte Lieder. Das ist kein Rock und ohne Anspruch an Rebellion. Klar, Lennox ist etabliert genug und kann singen. Wie auch immer kann trotzdem einiges schiefgehen, wenn man nach dauerhaften (Chart-)Erfolgen einer langjährigen Formation (EURHYTMICS) plötzlich Solopfade einschlägt. Vielleicht lag es auch an dem so schmalen Eindruck der Maffay CD. Fakt ist: Die hat es. Das weißt du nach drei Sekunden.

P.P.S.: Am folgenden Tag war es Johnny Cash mit "American V". Ein alter Mann singt alte Lieder. Begleitet von ein paar guten Musikern mit wenigen Instrumenten. Ohne technischen Schnickschnack oder was. Unendlich mehr Seele. Wahrheit. Intensität. Rock?

P.P.P.S.: Noch mal, sorry, es soll ja welche gegeben haben, die ihn überlisten konnten. Aber einmal die Seele an den Kommerzschlagerteufel verkauft, gibt der sie bekanntlich nie wieder her. So war das eben mit der Verdammnis: EWIG. So gesehen passt der Titel.

P.P.P.P.S.: Leider auch das nur Kommerzschlagerteufelchen. Der wahre SATAN kauft nur echte Rockerseelen (Stones) und macht es nicht unter Metallica ;-) Bleibt noch die Frage, wer eigentlich die Seelen der Scorpions gekauft hat? Daher bezieht sich der Titel doch nur darauf, dass das Durchhören der gesamten CD, um nicht vorschnell zu urteilen und jeder Nummer eine Chance zu geben, sich ob dessen, was dies an subjektivem Zeitempfinden hervorruft schlicht an Ewigkeitserfahrungen grenzt. :-(

bernhard r.c.faaß www.empyreal.de

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